Dima Slobodeniouk dirigiert Moussa, Saariaho und Schostakowitsch
Shownotes
Samy Moussa „Adgilis Deda“ – Hymne für Orchester
Kaija Saariaho „Trans“ – Konzert für Harfe und Orchester
Dmitri Schostakowitsch Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 54
Dima Slobodeniouk Dirigent
Xavier de Maistre Harfe
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
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00:00:01: Muss es sein?
00:00:04: Der Konzertpodcast des RSB mit Katharina Neuschäfer.
00:00:10: Wenn die Schatten zu lang werden, dann hilft ein Konzernprogramm wie dieses in dem es um die Sehnsucht nach Schönheit geht.
00:00:18: Atgiles Deda Die Orchesterhymne von Wahlberliner Sami Musa ist quasi eine musikalische Umarmung.
00:00:25: Dann, in ihrem Hafenkonzert Trance lässt die finnische Komponistin Kaya Sariaho den leisen Stimmen das letzte Wort.
00:00:33: Meisterhaft gespielt vom Wittmungsträger Xavier de Mestre und Shostakovich.
00:00:38: sechste Sinfonie in Hamol sagt was nicht gesagt werden durfte aber zum Schluss hebt sie dann dennoch trotzig das Kin.
00:00:45: Das RSB spielt dieses wunderbare Programm unter der Leitung des russisch-finnischen Dirigenten Dimas Lobodenyuk.
00:00:52: Herzlich willkommen zu unserem Podcast.
00:00:54: Muss es sein?
00:01:05: Über jeden Hügel, jede Schlucht, jeden Gipfel wacht eine Mutter Gottheit die diesen Ort beschützt und auch alle, die ihn betreten.
00:01:13: Atgiles Deda heißt diese Gottheite aus der georgischen Mythologie Und so heisst auch die Orchester-Hymne des gebürtigen Kanadias Sami Musa.
00:01:23: Nach einem Besuch der kaukasischen Berge entsteht sie im Jahr.
00:01:34: Ich habe selten Musik erlebt, die so sehr die Empfindung einfängt, wie der Titel suggeriert.
00:01:40: Adgilis Deder – Mutterort Selbst wenn der Titeln muss man sagen erst nach der Entstehung dazu kam.
00:01:47: dieser warme beschützende Effekt entsteht zum einen dadurch dass die Musik eigentlich nicht richtig voranschreitet sondern eher bleibt.
00:01:56: Moussa schichtet Töne und Harmonien als Klangflächen übereinander sodass sie aufsteigen Wie Wärme oder wie ein Duft.
00:02:28: Um anderen suggerieren die dunklen Orchesterfarben in den tiefen Holz- und Blechbläsern, oder in den Kontrabessen etwas Altes und Mächtiges – eben die Gottheit Atgiles Deyda!
00:02:41: Wir haben hier einen durchlaufenden Hypnus, der tonal ist und melodisch.
00:02:46: Und damit auch eine Abkehr von der Avantgarde der Nachkriegszeit mit ihren starren mathematischen Regeln und provokanten Dissonanzen.
00:02:54: Entstanden, so sagt es Sami Musa selbst, Ist Adgilis Dehder einzig um Schönheit in die Welt zu bringen.
00:03:05: Diese Musik prangert nichts an sie bezieht keine politische Stellung.
00:03:09: Sie isst was sie ist ein gutes Gefühl Herz auf Musik rein.
00:03:15: Ende!
00:03:22: Aus den Tiefen der Vorzeit steigen wir jetzt auf ins Licht der Gegenwart, zumindest beinahe.
00:03:28: Zwei Tausend Fünfzehn beendet die finnische Komponistin Kaya Sariaho ihr Harfenkonzert Trance.
00:03:35: Merkt euch gleich mal dieses zerbrechliche Motiv hier gleich zu Beginn des ersten Satzes denn das wird uns noch öfter begegnen.
00:04:02: Ich finde es wunderschön wie die Hafenklänge sich mit dem Metallschlagwerk verbieten.
00:04:08: dabei entsteht fast ein Drei-Dimensionale Eindruck.
00:04:35: Und hier Glissandi, das ist natürlich eine der urtypischen Ausdrucksformen der Harfe und sie sind wesentlicher Bestandteil dieses Konzerts.
00:04:42: In den letzten Jahren wurde es übrigens uraufgeführt vom Wittmungsträger Xavier de Maestre – einem Weltstar an der Harve und er spielt es auch mit dem RSB.
00:04:57: Ein Konzert für Solo-Harfe und Orchester ist jetzt gar nicht mal so häufig anzutreffen, denn naturgemäß sind die zarten Harfenklänge schlecht geeignet um sich gegen ein ganzes Orchester durchzusetzen.
00:05:10: Und trotzdem will Saria Ho all die differenzierten Klangfarben eines großen Orchesters behalten aber ebenso einsetzen.
00:05:19: dass die Harfe nicht untergeht heißt konkret wenn die Harpe zaubert dann spielen nur Teile des Orchesterapparats mit Transparenze, lichtdurchflutete Passagen entstehen oder Dialoge mit einzelnen Gruppen.
00:05:33: Zum Beispiel im ersten Satz mit der Satzüberschrift Fugitif haben wir das!
00:05:52: Der zweite Satz trägt die Überschrift Vanité und beginnt düster.
00:05:59: Die Hafenseiten werden mit der flachen Hand angeschlagen – ähnlich dem Klang einer toten Glocke.
00:06:08: Die Vanitas Stillleben der Barockzeit werden hierherauf beschworen.
00:06:12: Erinnerungen an verweltende Blumen, Sanduern und Symbole der Vergänglichkeit.
00:06:17: faszinierend, wie die Harfe hier flüstert und die Zeit grinnen lässt.
00:06:35: Im dritten Satz huschen Klänge hin-und her wie Botschaften.
00:06:39: Messager – also Botschaften heißt er!
00:06:42: Die Harfe wirft ein Motiv zu einzelnen Instrumentengruppen und die antwortet dann in ihrer eigenen Sprache.
00:06:50: Aus diesem Übergang des Soloinstruments in den Orchesterklang leitet sich auch der Werktitel Trance ab.
00:06:56: Hier werden die Grenzen bis in den mikrotonalen Bereich ausgelotet und erweitert.
00:07:05: Botschaften enthält auch Dmitri Shostakovichs sechste Sinfonie.
00:07:10: Nur drei Jahre vor der Uraufführung schwebt Shostakovic selbst in Lebensgefahr, nachdem Stalin seine Opa Lady Macbeth von Mezensk hasst.
00:07:20: Künstler-Kollegen, die ebenfalls mit einer modernen Tonsprache experimentieren, verschwinden oder werden hingerichtet.
00:07:28: und schreibt seine regimegefällige fünfte Symphonie.
00:07:31: Für den Moment ist er damit aus der Gefahrenzone, so und die sechste soll dann – so kündigt er an – ein Werk zu Ehren lehnenswerden.
00:07:40: Weil sich aber angeblich kein geeigneter Text findet, bleibt die Sechste ohne politische Wippen.
00:07:46: In einem Interview sagt Shostakovich Er wolle in seiner neuen Symphonies eine Stimmung des Frühlings der Freude und der Jugend vermitteln.
00:07:57: Was Shostakovic liefert, ist eine quasi geköpfte Symphonie.
00:08:02: Denn sie beginnt gleich mal mit einem langsamen Satz der üblicher Weise an zweiter Stelle stehen sollte.
00:08:07: Hinzu kommt dass dieser Largo-Eröffnungssatz nicht einmal der sonaten Hauptsatzform folgt.
00:08:14: Es gibt also nicht den üblichen Aufbau von Haupt und Nebenthemen die dann musikalisch weiterverarbeitet werden sondern was wir bekommen sind zwanzig Minuten Drokulisse.
00:08:25: Themen werden aufgebaut, laufen dann aber ins Leere.
00:08:28: Schönheit klingt an und verwelkt.
00:08:37: Frühling und Jugend?
00:08:39: Sicher nicht!
00:08:40: Der gesamte erste Satz hat eher den Anschein eines einsamen zielosen Dahinwanderns – fast ein bisschen wie in Schubert's Winterreise.
00:08:49: Innere- und äußere Lehre.
00:08:58: Der zweite Satz ist dann schnell und… ja was eigentlich?
00:09:03: Voller Volksverbundenheit und Optimismus Also so wie vom sowjetrosischen Realismus gefordert?
00:09:09: Im Gegenteil.
00:09:11: Shostakovich sagt, was zu sagen ist – aber zwischen den Noten.
00:09:15: Kammermusikalische Intimität wird von brutaler Orchestergewalt niedergeschlagen.
00:09:20: Was wir hier hören, ist Fröhlichkeit die keine isst.
00:09:24: Übrigens sind der zweite und dritte Satz zusammen kaum so lang wieder erste.
00:09:30: Hört mal diese Stelle!
00:09:32: Klingt doch wie ein dämonischer Marsch.
00:09:45: Schneller als man denkt, reist uns Shostakovich in den dritten und letzten Satz.
00:09:49: Ein grotesker Galopp – getarnt als Tosen des Finals!
00:09:54: Ist das nicht eventuell eine kleine Verbeugung vor dem großen Freiheitskämpfer Wilhelm Tell maskiert als Anspielung auf Rossinis-Wilhelm-Tel-Overtüre?
00:10:15: Die Sinfonie endet in einem wilden Haar-Dur-Trauml aber das Glücksgefühl bleibt aus.
00:10:21: Weil man Shostakovich die Subbotschaft nicht beweisen kann, kritisiert man im Nachgang die unglückliche formale Anlage und das Mangel der Heldentum.
00:10:30: Bis heute steht die sechste Symphonie im Schatten der vorangegangenen und auch der nachfolgenden Schwesterwerke – und dabei zählt sie vielleicht doch mit zu seinen persönlichsten Werken!
00:10:42: Etwa wie ein Tagebucheintrag in einer Geheimschrift.
00:10:46: Eine klingende Warnung vor jeder Form von Zensur und totalitären Regime.
00:10:52: In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderbaren Konzertamt!
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