Vladimir Jurowski dirigiert Denissow, Vieru und Rachmaninow

Shownotes

Edison Denissow „Peinture“ für großes Orchester

Anatol Vieru Sinfonie Nr. 2

Sergei Rachmaninow „Die Glocken“ – Sinfonisches Poem für Sopran, Tenor, Bariton, Chor und Orchester nach einem Gedicht von Edgar Allan Poe op. 35

Vladimir Jurowski Dirigent

Galina Cheplakova Sopran

Anton Rositskii Tenor

Vladislav Sulimsky Bariton

Rundfunkchor Berlin Gijs Leenaars Choreinstudierung

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

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00:00:01: Muss es sein?

00:00:04: Der Konzertpodcast des RSB mit Katharina Neuschäfer.

00:00:09: Und mit ganz viel Farbe!

00:00:11: Die neue Konzertsaison verbindet nämlich das, was eigentlich schon immer ganz nah beieinander war – Musik und Malereien.

00:00:19: Jedem Konzert ist ein Gemälde des Berliner Malers Daniel Richter zur Seite gestellt und das könnt ihr dann jeweils auch im Programmheft anschauen.

00:00:27: Und insofern haben die Programme selbst fast immer einen zeitgenössischen oder zumindest einen Bezug zu Musik des zwanzigsten Jahrhunderts – und ganz wichtig, auch zu Berlin!

00:00:39: Das Werk Prentür des sowjet-russischen Komponisten Edison Denisov thematisiert dann auch ganz passend die Malerei selbst und seinen persönlichen Umgang mit Klangfarben.

00:00:50: Die zweite Sinfonie des rumänischen Kmponisten Anna Tolvieru dagegen entstand in Berlin, und zum Schluss gibt's noch die Chorsinfonie Die Glocken von Sergej Rahmaninoff mit den wunderbaren Solisten Galina Czebla Kova, Sopran Anton Rasitski, Tenor und dem Bariton Vladislav Sulemsky.

00:01:10: Vladimirovsky leitet das RSB und den Rundfunkor Berlin.

00:01:14: Herzlich willkommen zu unserem Podcast, Muss es sein?

00:01:19: In der Mitte wird's hell!

00:01:21: Am Rand dagegen sind die Farben eher gedeckt oder dunkel in den Gemälen von Boris Burger.

00:01:27: Und doch ist da dieses Flirren.

00:01:29: All die kleinen Fahrpunkte sind so dicht beieinander dass sie nicht mehr voneinander zutrennen sind – und jeder ist ein bisschen anders abgemischt.

00:01:38: Bürgers Gemälde faszinieren den Komponisten Edison Denisov.

00:01:42: Ihren Aufbau überträgt er in die Musik.

00:01:50: Pantyre, also Malerei heißt das Werk, dass ihr gerade eben hier hört, Edison Denisow komponiert es neunzehntundertsiebzig und was er hier will ist die Loslösung von starren strengen Kompositionsregeln wie der zwölftonmusik.

00:02:05: Und trotzdem hat diese Musik ihre Regeln – genauso wie bei einem Bild geht es auch hier um Anordnung von Elementen und um das Verwenden von Klangfarm.

00:02:15: Licht- und Schatten werden in der Instrumentation eingefangen, es gibt ganz viele einzelne Stimmen die sich aber völlig unabhängig voneinander bewegen – und trotzdem so dicht zusammengewiebt sind dass man sie nicht mehr auseinander hören kann.

00:02:34: Ganze leuchtende musikalische Flächen kann Dennis aufgestalten fast genauso wie in den Bildern von Buristburger.

00:02:41: Denesovskompositionen zeichnen jetzt kein spezielles Gemälde von Bürgern nach, aber das Gefühl beim Betrachten ist so wie Denesofsmusik klingt.

00:02:51: In beiden Fällen schwingt die Sehnsucht nach Licht mit – Nach Freiheit in einem System, dass keine Freiheit

00:02:58: dultet.".

00:03:02: Der rumänische Komponist Anatol Viero verarbeitet in seiner zweiten Sinfonie aus dem Jahr neunzehnhundertdreiundsebzig was er erlebt hat als verfolgter Jude neunzenhundertvierzig in Rumänien.

00:03:14: Aber wie zuvor bei Dennis Soft ist das hier keine Nacherzählung, sondern eher sowas wie ein nacherleben.

00:03:21: Der erste Satz heißt Tachikadi – Das ist der medizinische Begriff für Herzrasen!

00:03:27: Wir erfahren zusammen mit dem Orchester eine Panikattacke.

00:03:30: Sechs Minuten lang hetzen, stolpern, fast stehen bleiben Bewusstseinstrügen und dann wieder weiter taumeln.

00:03:51: Dieses Taumeln drückt Vieru in einem Fünfviertel-Takt aus, in einer Art hinkendem Walzer der ein bisschen an Gustav Mahler erinnert.

00:04:10: Und jetzt kommt die Mathematik ins Spiel!

00:04:12: Anna Tolviero entwickelt für seine Kompositionen ... Ein modales System das sich an der Mengenlehre orientiert.

00:04:19: Er erstellt also eine Scala und die unterteilt er dann in feste Gruppen und Abstände – und das nennt er Modi.

00:04:26: Vierru ist nämlich klar geworden dass das menschliche Gehör auch genau solche Unterteilungen vornimmt und dass diese Gruppen von Tönen sich zueinander wie mathematische Mengen verhalten.

00:04:38: Einige Töne gehören also zu einer bestimmten Menge dazu, andere wiederum nicht.

00:04:43: Und genau damit thematisiert er gesellschaftliche Prozesse – wie zum Beispiel die Ausgrenzung der jüdischen Identität.

00:04:50: Musikalisch verschiebt Vieru diese Gruppe nun gegeneinander und baut sie in große Klangblöcke ein.

00:04:59: Ich liebe den zweiten Satz!

00:05:02: Er heißt Psalm Und er klingt ein bisschen wie ein kitschiges Ölgemälde, weil einfach so unglaublich viel flirrendes Licht drin ist.

00:05:10: Als würde man die Darstellung einer Kirchenruhile betrachten, die mitten im Wald steht und von der Natur zurückerobert wurde.

00:05:17: Vögel, Insekten... ...und dieses unfassbare farbige Licht!

00:05:22: Ein verwunschener Ort.

00:05:30: Es geht direkt weiter in den dritten Satz und das Fliren bleibt erhalten als langgezogene Linie.

00:05:36: Eigentlich wirkt es, als wäre man am gleichen Ort geblieben.

00:05:39: Nur die Aktivität hat sich verändert!

00:05:42: Bläser und Schlagwerk setzen punktuelle Akzente, die auftauchen – und dann auch gleich wieder verschwinden.

00:05:47: An Faderad Melodie heißt dieser Satz «entfesselte Melodie».

00:05:53: Das totale Gegenprogramm zur Avantgarde ist Sergei Rachmaninoffs Musik.

00:05:58: Formeln- und theoretische Kompositionskonzepte.

00:06:01: das ist nicht sein Ding.

00:06:02: Musik muss gelebte Emotionen sein.

00:06:04: Sie muss das atmen, was ihren Schöpfer ausmacht.

00:06:13: Und was das hier für Glocken sind ist auch jedem intuitiv sofort klar – Schlittenglocken natürlich!

00:06:19: Dargestellt durch Glockenspiel, Triangel und Chelester eben alles, was glitzert so wie man sich eine Fahrt durch eine Winterlandschaft vorstellt.

00:06:31: Allerdings ist das hier eine russische Schlittenfahrt und da gehört etwas Schwermut einfach dazu.

00:06:37: Deshalb versteckt sich hier, so wie im gesamten Werk auch immer wieder Die ist ihre Motiv.

00:06:44: Also ein Zitat des grägerianischen Himmels, der ein musikalischer Topos für den Tod ist und sofort wird aus dem kindlichen Wintervergnügen gleich mal eine Metapher für die menschliche Lebensreise.

00:07:00: Die Inspiration zu seinen Glocken verdankt Rachmaninoff einem anonymen Brief Und in diesem Brief steht ein Gedicht frei nach einer Vorlage von Edgar Allen Poe.

00:07:09: Es geht darum wie Glockens das Leben der Menschen begleiten Von den Schlittenglocken der Kindheit über die Hochzeitsglocke, dann das Alarmgeleut bei einem großen Feuer und schließlich die Totenglocken.

00:07:22: Im Augenblick aber nehmen gerade die Hochzeitglockenschwung auf – Das Motiv in den Streichern wird immer schneller!

00:07:44: Voll spätromantischem Glanz….

00:07:47: Die Sopranistin sinkt von Glück-und-Turtletaugen.

00:07:50: Aber ist wirklich alles gut oder tanzt das Schicksal nicht auch schon mit?

00:08:01: Man kann sich der Harmonie in diesem Werk eben nie so ganz sicher sein.

00:08:06: Das eigentliche Zentrum dieser Chor-Symphonie ist aber der dritte Satz, das was hier leutet... ...ist eine Feuerglocke!

00:08:22: Totale Panik, einstürzende Gebäude, Qualen, Angst rasender Herzschlag und keine Solisten weil?

00:08:30: Hier wird nichts erzählt, hier gibt es nur eine Menschenmenge die schreit und diesmal sind wir umgeben vom DSI.

00:08:37: ihre Gedanken.

00:09:00: Am Vorabend des Ersten Weltkriegs, wie eine Vorahnung der nahenden Katastrophe.

00:09:06: Und was bleibt wenn der Sturm vorbei ist?

00:09:08: Rauchende Trümmer und Stille Bestürzung Trauer und Tod Symbolisiert durch die eisernen Totenglocken.

00:09:16: Der letzte Satz vereint alles.

00:09:44: Aber es gibt auch eine musikalische Verklärung zum Schluss.

00:09:47: Was sie im Einzelnen bedeutet für die menschliche Lebensreise als solche oder auch für uns ganz persönlich, das bleibt uns selbst überlassen.

00:09:56: Sakral und ins Lichtgewand endet die Chorsinfonie Die Glocken mit einem Plagalschluss – oder wie es auch heißt Armenschluss!

00:10:04: Und mit diesen abschließenden versöhnlichen und guten Gefühlen in Destur wünsche ich euch einen wunderbaren Konzertabend.

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